Von Wehmut und neu gewonnener Freiheit

In der Schwangerschaft habe ich mir fest vorgenommen zu stillen, für ein Jahr. Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, ob das klappt oder nicht. Das liegt wohl auch daran, dass ich mir damals nicht vorstellen konnte, wie es ist, wie es sich anfühlt, mein Kind zu stillen. Trotzdem war ich da sehr konsequent, hatte keine Pulvermilch im Haus und bin fest vom Erfolg ausgegangen.

Der Minimann kam auf die Welt und im Kreißsaal habe ich ihn das erste Mal angelegt. Schon dort wurde mir klar, dass das gar nicht so einfach ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Im Krankenhaus wurden mir verschiedene Stillpositionen gezeigt, es klappte immer besser. Zu Hause hatte ich liebevolle Anleitung von meiner Nachsorgehebamme und so wurden der Minimann und ich vom Erfolg belohnt. Wir stillten in den ersten Wochen quasi dauerhaft. Das war anstrengend, ich war ständig am trinken und essen, aber auch wunderschön. Nach einem Spaziergang, der für mich kurz nach der Geburt noch sehr anstrengend war, entspannten wir beide beim Stillen. Es war das beste Mittel zum Trösten, er schlief immer an der Brust ein, wir stillten nachts ganz entspannt im Liegen teilweise stündlich. Das war in manchen Nächten unglaublich schlauchend, aber im Allgemeinen habe ich es genossen. Die Nähe zu meinem Kind und ihn so einfach beruhigen zu können.

Es ist definitiv unglaublich praktisch voll zu stillen. Ich brauchte ein halbes Jahr lang nichts zu essen oder zu trinken für den Minimann dabei haben. Er brauchte nur mich. Da wir nach Bedarf stillten, mussten wir uns nach keinen Uhrzeiten richten. Es war am Anfang sehr ungewohnt überall zu stillen. Aber nach ein paar Malen hatten wir den Dreh raus, es ging sehr diskret und das überall wo es nötig war. Ich konnte mir auch niemals vorstellen, dass ich in Gegenwart von meinen Schwiegereltern stillen könnte. Aber so war es, wir stillten, wenn der Minimann Hunger hatte und wenn dann eben die Schwiegereltern im Raum waren.

Natürlich war er in diesem halben Jahr komplett von mir abhängig, in der Regel wollte er alle zwei Stunden trinken. Aber es machte mir nicht viel aus, hin und wieder nahm ich mir eine Auszeit und verbrachte ein paar Stunden mit meinen Mädels. Das reichte mir schon vollkommen.

Mit einem halben Jahr begannen wir mit der Beikost. Er bekam mittags einen Gemüsebrei und ab diesem Zeitpunkt durfte er von unserem Essen probieren. Somit war nach wenigen Wochen die Mittagsmahlzeit ersetzt. Nach dem das mittags gut klappte ersetzten wir die Abendmahlzeit. Meine Milchproduktion pendelte sich so langsam ein, hin und wieder hatte ich aber doch mit sehr schmerzhaft vollen Brüsten zu kämpfen. Aber da erlöste mich der Minimann oft sehr gerne. (Er trank am allerliebsten und mit Hingabe wenn die Milchbar sehr voll war.)

Das klappte sehr gut, ich wollte mir Zeit lassen mit dem Ersetzen der Nachmittagsmahlzeit. Denn ich wusste, dass der Minimann Obst sehr gerne mag und dementsprechend war klar, dass diese Mahlzeit sofort komplett ersetzt wäre.

Dann fand der Minimann unterwegs alles spannender als gestillt zu werden. Er mochte am Nachmittag nicht mehr an die Brust. Wenn überhaupt, dann nur im Liegen. Das geht aber natürlich nicht immer. Also war ich in der Zwickmühle. Für unterwegs nahm ich dann schon immer ein Gläschen Obst-Getreide Brei mit. Das klappte erwartungsgemäß ganz wunderbar. Das Ersetzen dieser Mahlzeit lief dann schleichend. Mal aß er einen Brei, mal stillte ich noch und irgendwann gab es immer Brei.

Also waren drei Mahlzeiten ersetzt, ich empfand es immer noch als komisch auf Zeiten zu achten und vor allem wahnsinnig wie viel man mitschleppen muss für einen ganzen Tag.

So lief das auch wieder einige Zeit. Bis mein Minimann anfing, auch noch am Morgen und am Vormittag die Brust zu verweigern. Es gab Tage, da stillte er von morgens um 6 bis zum Mittagessen um 12 gar nicht. Ich beobachtete eine Zeit lang und ich muss zugeben, ich verlor die Nerven. Ich gab ihm zum Frühstück eine Flasche Milch, er nahm sie sofort an und schien sie sehr zu mögen. Jetzt weiß ich, mit der ersten Flasche angerührter Milch beginnt das Abstillen. So lief es hier bei uns. Er trank dann also am Morgen seine Flasche und bekam die restlichen Breimahlzeiten. Er war und ist wahnsinnig zufrieden damit. Somit stillten wir an den meisten Tagen gar nicht mehr. Die Milchbar richtete sich schnell darauf ein und wurde erst ab dem späten Nachmittag wieder voll, denn wir stillen ja noch nachts.

Doch ich merkte wie dieses nächtliche Stillen für den Minimann einfach Gewohnheit war und er gar nicht mehr wirklich trank sondern nur noch nuckelte. Somit starteten wir den Versuch, dass der Mann in der Nacht zum weinenden Kind eilte. Das ging (wider Erwarten) ohne große Probleme, er weinte noch ein bisschen, dann nahm er den Nuckel an, ließ sich auf die Seite drehen, wollte noch ein wenig gestreichelt werden und schlief weiter. Also wurde auch das nächtliche Stillen weniger. Wir holten ihn ca. ab 5 Uhr morgens in unser Bett und ich stillte ihn.

Also waren wir soweit, dass ich ihn nur noch abends zum einschlafen und früh morgens stillte. Das fühlte sich sehr gut an und lief einige Wochen sehr gut.

Irgendwann wurde der Minimann abends beim Einschlafstillen unzufrieden, er schaffte es nicht einzuschlafen. Ihm schien meine Milch nicht mehr zu reichen. Genauso war auch mein Gefühl, meine Brüste haben die Produktion unheimlich zurück gefahren und viel war da nicht mehr zu holen. Ich machte ihm dann abends testweise eine Flasche Milch. Er trank sie leer und schlief sofort. Noch ein paar Mal probierte ich es, ihn abends weiterhin zu stillen. Versuchte meine Milchproduktion mit Stilltee und Malzbier wieder anzuregen. Aber das klappte nicht so richtig. Irgendwann gab ich auf und jetzt kriegt er auch abends eine Flasche Milch. Er sträubte sich nie gestillt zu werden, allerdings war er wirklich unzufrieden und schien erleichtert wenn er die Flasche mit Milch bekam. Mir fiel das sehr schwer, das Einschlafstillen aufzugeben.

Da ich immer weniger Milch hatte, wurde das morgens früh stillen genauso schwierig. Er wurde einfach nicht mehr satt. Wir stillten morgens eine Weile so weiter, aber er war quengelig und motzig bis er seine Frühstücksflasche bekam. Irgendwann realisierte ich: er hat Hunger. Ich testete wieder mit einer Milchflasche und er trank auch diese aus. Danach war er fröhlich, spielte eine Weile und schlief sogar noch einmal ein. Somit war auch diese Stillmahlzeit ersetzt.

In dieser Zeit stillte ich ihn tagsüber noch, wenn er wollte. Damit habe ich jetzt aufgehört. Wir stillen seit einigen Tagen nicht mehr, gar nicht mehr. Ich finde ‚abstillen‘ ist so ein hartes Wort, aber das ist es.

Da ist meine Wehmut. Ich hätte ihn sehr gerne noch weiter gestillt, das ist doch eine besondere Beziehung zwischen Mutter und Kind. Aber dann sehe ich meinen Minimann. Wie zufrieden er ist, er ist fröhlich und aufgeweckt und ihm scheint das Stillen nicht zu fehlen. Darüber bin ich unheimlich froh, denn ‚abstillen‘ kann ja auch durchaus schwierig sein. Außerdem kuscheln wir mehr als je zuvor. Er schlingt oft seine kleinen Ärmchen um mich, vergräbt seinen Kopf oder klammert sich fest wie ein kleines Äffchen. Abends schläft er immer noch in meinem Arm ein und tagsüber sowieso nur mit Körperkontakt. So tanken wir beide Nähe.

Und dann ist da meine neu gewonnene Freiheit. Ich könnte länger als zwei Stunden am Stück weg, der Mann könnte ihn ins Bett bringen, ich kann wieder einen normalen BH tragen und nachts komplett ohne schlafen. All solche Dinge.

Und so trinke ich nach langer Zeit mit meinem Mann ein Glas Sekt und kann es genießen. Denn wir stillen ja nicht mehr.

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11 Gedanken zu “Von Wehmut und neu gewonnener Freiheit

  1. Ihr habt doch eure Beziehung dadurch nicht verloren. Er wird seine Mama immer brauchen, denn ohne Liebe kann er nicht leben.

    Sucht euch weiterhin eure Oasen in denen ihr kuschelt, oder einfach Spaß miteinander habt oder oder oder, da gibts keine Grenzen was für euch genau das richtige ist.

    Eine Tür schließt sich, zwei neue öffnen sich 😉

    • Das stimmt, die Beziehung geht dadurch nicht verloren, sie verändert sich nur 🙂 Aber das soll sie ja auch. Und jetzt suchen wir uns eben neue Oasen, ganz genau 🙂
      (es ist nur so ungewohnt im Moment noch..)

  2. Glückwunsch! Ist doch toll, wenn das so peu à peu und ohne Protest von Seiten des Minimannes vonstatten gegangen ist. Wehmut hättest Du nach einem Jahr sicherlich auch gehabt. Das gehört dazu 🙂
    Ab und zu gibt es hier auch eine Flasche Aptamil oder Abgepumptes – wenn der Babymann seine Zähne ausfährt 😉 – er braucht aber unheimlich lange, sie zu trinken, und ich bin froh, wenn er mal 50ml trinkt. Auch wenn er durchaus am Inhalt der Flasche interessiert ist, bleibt er ein Brustfetischist, und ich habe ein wenig Bammel vor dem Tag, an dem _ich_ die Stillbeziehung beenden will…

    LG, KB193

    • Ja ich bin auch froh, dass er so zufrieden ist.. Wer weiß, wie es bei euch läuft, vielleicht will er selber irgendwann nicht mehr? Ich hatte Glück mit den Zähnchen, der Minimann hat bis heute nicht eines..

  3. Ich finde, den Weg seit ihr prima gegangen… genauso hatte ich mir auch gewünscht die Milchbar zu schliesen… war ja nun anders aber die Erbse is jaauch so ein quitschfediles und munteres Muckelmädchen, genauso wie dein Minimann!

    Cheers (:

    • Schön das zu lesen, danke 🙂
      Na klar, ich will auch gar nicht behaupten, dass Flaschenmilch irgendwie schlechter ist, es ist nur etwas anderes und somit ungewohnt. Aber ich gewöhn mich immer mehr dran 😉

  4. Am tollsten find ich ja daß sich Minimann sich auch vom Papa so gut Nachts beruhigen ließ. Ich hab da irgendwie noch Panik davor das auszuprobieren. Bisher hat meine Maus ihren Papa Nachts immer verweigert 😦

    Lg,
    scullysqueequeg

    • Ja das ist wirklich toll und ich hatte auch Angst davor.. er hat natürlich geweint und hätte sich vielleicht bei mir ein bisschen schneller beruhigt, aber das hat sich gelohnt, denn jetzt schläft er fast sofort wieder ein, auch wenn der Papa streichelt..

  5. Wie schön, dass es „einfach so“ passiert ist! Und der kleine Mann ist ja ein Kuscheltyp, so dass ihr eure Schmuseeinheiten auch so bekommt. Aber du hast schon recht: Stillen ist ein unbeschreibliches Gefühl und Wunder der Natur. Ich kann absolut verstehen, dass da auch ein bisschen Wehmut mitschwingt!!

    Und jetzt: PROST!!!! (Oh Mann, was würde ich für eine Berliner Weiße geben…. 🙂

    • Ich hatte gestern eine im Biergarten in der Sonne, das war lecker 😉 (aber dabei bleibts dann auch, nicht, dass ich hier aussehe wie die Schnaps-Drossel vom Dienst 😉
      Und bald ist es bei euch bestimmt aus so weit! Der Sommer ist noch lang 🙂

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